Auge um Auge, Datenbank um Datenbank
Habe gerade bei .get privacy über die neue Aktion von Dataloo gelesen, also der Seite mit der Stasi 2.0-Schablone (die ich noch nie richtig passend fand). Mit tollem Banner wird die neue “Aktion Uberwach” angekündigt, deren Idee darin besteht, wenn jemand mit einer IP eines Bundes- oder Landesministerium auf die Seite zugreift (die mit einem schönen zusätzlichen HTML-Element gespickt ist), dann werden diese Zugriffsdaten gespeichert und ein Bildchen angezeigt…
Ich finde diese Aktion ähnlich hirnrissig, wie auch .get privacy. Aber holen wir doch mal ein wenig aus:
Das Rechtsprinzip “Auge um Auge” findet sich laut Wikipedia im Buch Exodus als Rechtssatz für das Volk Israel. Sie stammt aus einer früheren Rechtstradition, König Hammurabi hat sie in seinem Codex zusammengefasst. Das war vor etwa 4000 Jahren. Dieser Codex kann übrigens im Louvre besichtigt werden, hier ein Foto dass ich kürzlich geschossen habe als ich dort war:

Das Prinzip war ja als erster Ansatz mal ganz gut, aber irgendwann haben wir im Laufe der 4000 Jahre doch intelligentere Prinzipien gefunden. Dazu zählt z.B. dass man eher versucht Menschen zu helfen als sie zu bestrafen. Das ist zwar leider erst in wenigen Köpfen angekommen, aber zumindest in unseren Gesetzen einigermaßen implementiert.
Dementsprechend halte ich auch solche “Auge um Auge”-Maßnahmen für eher prähistorisch. Intelligenter Protest sieht sicherlich anders aus, und diese “Aktion Uberwach” ist doch eher aus biederem Aktionismus geboren und tritt in die gleichen Fettnäpfchen, die ansonsten der Politik lauthals negativ angerechnet werden.
Es ist zwar angenehm menschlich, dass die Kritiker auch keine besseren Ideen präsentieren und somit im verteufelten Amt eine ähnlich schlechte Figur abgeben würde: Aber lasst uns doch wenigstens versuchen, es besser zu machen; vor allem wenn es so einfach geht wie hier. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass z.B. in meinen Kommentaren keine Daten außer dem Namen des Kommentators länger als einen Tag in der Datenbank verbleiben. Das verlinkte Bild steht ausdrücklich, wie dieses Blog, unter einer Creative Commons-Lizenz. Das sind (sehr kleine) Beiträge, die “unsere” Sache unterstützen. Diese “Aktion Uberwach” ist das genaue Gegenteil, ein Schuß in den eigenen Fuß.




May 22nd, 2007 @ 9:56
Ich sehe deinen Punkt, daß Schäuble als Person nicht das Problem ist, auch. Aber es brauchte wohl ein schnell erkennbares Symbol und die Schablone von dataloo scheint in diesem Zusammenhang die größte Verbreitung gefunden zu haben, warum auch immer.
Die Überwach-Aktion ist m.E. auch nur ein Symbol, wie eine Erinnerung.
Insoweit halte ich es für völlig legitim, beides nicht zu benötigen, um eine Meinung zu haben oder sich gegen Vorratsdatenspeicherung und Aushöhlung der Grundrechte auszusprechen.
Deine Lesart des Talionsgesetzes als Strafgesetz passt übrigens hierzu überhaupt nicht, da das Vergeltungsrecht bis zur Einführung des Auge-um-Auge-Prinzips das geltende Recht war und von ihm in ein Entschädigungsrecht umgewandelt wurde.( siehe auch http://www.jensscholz.com/2002/07/kleine-bibelstunde-alttestamentarische.htm). Im Prinzip hast Du da dasselbe gemacht, wie Dataloo: Dein Vergleich wird verstanden, auch wenn der Vergleichsgegenstand eigentlich gar nicht hinhaut.
May 28th, 2007 @ 11:33
In der Tat, das Argument mit der Bibelstelle habe ich falsch gelesen und natürlich nur die traditionelle Deutung mitgeschleppt.
Allerdings - bei Hammurabi war das schon wörtlich gemeint
Gesetzt, ein Mann hat das Auge eines Freigeborenen zerstört, so wird man sein Auge zerstören …
Gesetzt, ein Mann hat einem anderen ihm gleichstellenden Manne einen Zahn ausgeschlagen, so wird man ihm einen Zahn ausschlagen …
Gesetzt, er hat ein Auge eines Hörigen zerstört oder den Knochen eines Hörigen gebrochen, so zahlt er eine Mine Silber.